Kombination aus NMES und Entlastungsorthese bei Gonarthrose im Test
Scientific Reports hat am 12. Oktober 2026 eine Pilotstudie veröffentlicht, die untersucht hat, ob gangtriggerte neuromuskuläre Elektrostimulation (NMES) zusätzlich zu einer Entlastungsorthese bei medialer Kniearthrose klinisch und biomechanisch etwas bringt.

Für die Physiotherapie-Praxis ist das Ergebnis nüchtern: Die Kombination zeigt keinen klaren Vorteil gegenüber der Orthese allein, liefert aber moderate Hinweise auf Schmerzlinderung und lokale neuromuskuläre Effekte. Wer Patientinnen mit Gonarthrose betreut, kann aus dieser Studie vor allem eines mitnehmen: NMES bleibt eine Option für den Einzelfall, kein Regeleinsatz.
Studiendesign im Überblick
Insgesamt 28 Personen mit leichter bis mittlerer medialer Kniearthrose wurden randomisiert. Die Kontrollgruppe trug nur eine Entlastungsorthese, die NMES-Gruppe kombinierte die Orthese mit ganggetriggerter neuromuskulärer Elektrostimulation. Über vier Wochen absolvierten alle zwölf Geheinheiten bei täglicher Orthesennutzung. 23 Probandinnen schlossen die Intervention ab (Kontrolle 12, NMES 11).
Primärer Endpunkt war der WOMAC-Gesamtscore, sekundärer Endpunkt VAS-Schmerz. Ergänzend wurden Kinematik, Kinetik und EMG bei Gang, Aufstehen und Balance erfasst.
Was sich zeigte
Beim primären Endpunkt fand sich kein relevanter Gruppenunterschied (WOMAC: MD = 3,48; 95 %-KI –3,47 bis 10,44; p = 0,309). Beim Schmerz hingegen zeigte die NMES-Gruppe eine moderate Reduktion (VAS: MD = –1,11; 95 %-KI –2,20 bis –0,03).
Die biomechanischen Ergebnisse gingen in verschiedene Richtungen. Die Orthese allein reduzierte das mediale Belastungsmoment (peak KAM) und das KAM-Impulsintegral stärker. Die NMES-Gruppe zeigte reduzierten posturalen Schwank und geringere Muskelaktivierung. Das stützt die Einschätzung der Autorinnen: NMES verstärkt die mechanische Entlastung der Orthese nicht, sondern setzt eher lokal neuromuskulär an. Die Intervention erwies sich als machbar und sicher.
Was das für die Praxis bedeutet
Die Kombination aus Orthese und ganggetriggerter NMES lässt sich sicher durchführen, bringt aber keinen messbaren Funktionszugewinn im Vergleich zur Orthese allein. Für die Beratung in der Praxis heißt das: NMES bei medialer Kniearthrose nicht pauschal als Aufwertung der Orthesenversorgung einplanen. Ein moderater analgetischer Effekt und Hinweise auf bessere Balance können im Einzelfall trotzdem relevant sein, etwa wenn Schmerz oder muskuläre Defizite im Vordergrund stehen.
Künftige Studien müssten laut den Autorinnen zeigen, ob angepasste NMES-Parameter einen Nutzen bringen, ohne die mechanische Entlastung der Orthese zu untergraben. Bis dahin gilt: gezieltes Training, Belastungsmanagement und Orthesenanpassung bleiben die tragenden Säulen, Elektrostimulation bleibt ein ergänzendes Werkzeug für klar umrissene Ziele. Wer Beschwerden hat, sollte den Einstieg über Orthese und Training wählen und NMES gezielt dann ins Auge fassen, wenn Schmerz oder neuromuskuläre Kontrolle die eigentliche Baustelle sind.