Cochrane-Stiftung vor dem Aus: Verbände fordern Rettung ab 2028
Mehrere medizinische Fachgesellschaften sowie Deutschlands größter Physiotherapieverband haben sich laut Bericht von Informationsdienst Wissenschaft (idw) an das Bundesgesundheitsministerium gewandt…

Cochrane Deutschland Stiftung: Fachkreise fordern die Bundesregierung auf, Förderstopp abzuwenden
Mehrere medizinische Fachgesellschaften sowie Deutschlands größter Physiotherapieverband haben sich laut Bericht von Informationsdienst Wissenschaft (idw) an das Bundesgesundheitsministerium gewandt und gefordert, den geplanten Förderstopp für die Cochrane Deutschland Stiftung ab 2028 zurückzunehmen. Die Fachkreise warnen davor, dass der Wegfall verlässlicher Evidenzsynthesen die Qualität der Patientenversorgung und der Therapiepraxis in spürbarem Maße beschädigen könnte.
Für die tägliche physiotherapeutische Arbeit ist das kein abstraktes Finanzpolitik-Thema, sondern eine Frage, ob wir künftig weiter auf methodisch fundierte Zusammenfassungen klinischer Studien zugreifen können, wenn wir Behandlungsentscheidungen begründen.
Warum Cochrane für die Praxis relevant ist
Die Cochrane Deutschland Stiftung gehört zum internationalen Cochrane-Netzwerk und erstellt systematische Übersichten zu Wirksamkeit und Sicherheit medizinischer Interventionen. Für Physiotherapeuten und Reha-Spezialisten sind solche Evidenzsynthesen die Grundlage, um beispielsweise den Stellenwert bestimmter manueller Techniken, Trainingsprotokolle oder Modalitäten einzuordnen, ohne jede Einzelstudie selbst bewerten zu müssen.
Wenn die Förderung entfällt, fehlt in Deutschland eine zentrale Anlaufstelle für diese Art der evidenzbasierten Orientierung. Die Fachkreise weisen darauf hin, dass der Wegfall verlässlicher Evidenzsynthesen direkte Qualitätseinbußen in der Patientenversorgung und der Therapiepraxis nach sich ziehen könnte.
Was Physiotherapeuten jetzt beachten sollten
Die Forderung der Fachgesellschaften ist bislang ein politischer Appell. Ob das Ministerium den geplanten Förderstopp tatsächlich revidiert, steht noch aus. Für die eigene Praxis gibt es dennoch konkrete Konsequenzen:
Bestehende Cochrane-Übersichten bleiben verfügbar. Systematische Reviews verschwinden nicht über Nacht, auch wenn die deutsche Stelle ihre Arbeit einstellen sollte. Internationale Cochrane-Ressourcen stehen weiterhin zur Verfügung, allerdings ohne die lokal angepasste Übersetzung und Vermittlung, die die Deutschland-Stiftung leistet.
Begründungspflicht im Praxisalltag ist unverändert. Wer Behandlungen im Rahmen des Heilmittelrahmenvertrags erbringt, braucht weiterhin belastbare Nachweise für Wirksamkeit und Zielrichtung. Je weniger strukturierte Evidenzquellen verfügbar sind, desto schwerer wird es, diese Begründung sauber zu führen. Es lohnt sich deshalb, jetzt zu prüfen, welche Evidenzquellen im eigenen Fachgebiet noch zusätzlich genutzt werden.
Politische Aufmerksamkeit ist gefragt. Die Fachgesellschaften haben laut idw-Bericht bereits Stellung bezogen. Wer die Bedeutung evidenzbasierter Therapie in der eigenen Praxis erlebt, kann den Druck unterstützen: etwa durch Stellungnahmen der Landesverbände, Social-Media-Beiträge oder die Weitergabe an die eigenen Patientinnen und Patienten, die zunehmend nach Evidenz für ihre Behandlung fragen.
Was bleibt abzuwarten
Die konkreten Pläne des Bundesgesundheitsministeriums, insbesondere die Gründe für den geplanten Förderstopp ab 2028, gehen aus dem Bericht nicht hervor. Welche Fachgesellschaften und welche Physiotherapie-Verbände sich genau beteiligt haben, ist ebenfalls nicht im Detail benannt. Es bleibt abzuwarten, ob die Intervention der Fachkreise eine Korrektur nach sich zieht. Für die Praxis gilt bis dahin: die bestehenden Evidenzressourcen aktiv nutzen und die Debatte im Blick behalten.